Was sind echte Nylons?

Das Ausgangsmaterial: 100% Nylon

40er Jahre Frau probiert stolz ihre neuen Nylons an

Nachdem Mitte der dreißiger Jahre Dr.W.Carothers Nylon als Grundstoff der später meist verwendeten chemischen Faser erfand, begann die industrielle Massenfertigung des Garns sowie der Damenstrümpfe. (leider erlebte der geniale Chemiker den Triumphzug seiner Erfindung nicht mehr, da er sich 1937 das Leben nahm)
Eines der markantesten Merkmale dieser klassischen Nahtnylons, wie sie heute nur noch von wenigen Firmen in deren Besitz sich noch die originalen Maschinen befinden, ist das Ausgangsmaterial: der Nylonfaden. Dieser hauchdünne Faden wird erzeugt indem die Polyamid-Spinnlösung durch eine Spinndüse gepresst wird. Der noch zähflüssige Faden am Ausgang dieser Düsen wird in einem Temperatur-Geregeltem Luftstrom langsam fest und wird gleichzeitig gestreckt. Der so entstandene hauchdünne Nylonfaden läßt sich nicht in der Länge ziehen. Genau diese Eigenschaft gibt dem späteren klassischen Nahtstrumpf die typischen Eigenschaften wie zum Beispiel die Fältchenbildung und den "raschelnden" Griff. (moderne Damenstrümpfe hingegen sind durch den zusätzlichen Einsatz von Elasthan dehnbar und sitzen wie eine zweite Haut am Bein)

Der Strumpf entsteht

geübte Nähering beim vernähen der Naht an 50er Nahtnylons

Gefertigt werden die originalen Nahtstrümpfe auf der Cottonmaschine, welche bereits 1864 in ihrer Grundform von William Cotton in England entwickelt wurde. Weiter entwickelt wurde diese Einfadenwirkwaren-Maschine von dem Chemnitzer Fabrikanten Hermann Stärker. Auf diesen Maschinen konnten bereits bis zu 36 Strumpfrohlinge gleichzeitig gefertigt werden. Mit bis zu 9 Nadeln auf einen Zentimeter, gleichmäßig auf einer Nadelbarre in Bewegung gesetzt, ziehen die Spitznadeln den in Schleifen vorgeformten Faden durch die vorherigen Maschenreihen. Mit bis zu 400 Nadeln legten diese alten Maschinen bereits 100 Maschenreihen in einer Minute.
Was nach dem Wirken herauskommt ist natürlich noch kein Damenstrumpf sondern ein flächiges Nylongewebe, welches durch variieren der Nadel-Anzahl bereits unterschiedliche Breiten aufweist um später eine bessere Passform des Strumpfes zu gewährleisten.
Als nächster Schritt in der Fertigung kam das vernähen der Nylons. Diese Arbeit wird auch heute noch von Hand bewerkstelligt und eine Näherin muss sehr geschickt sein, um dieser typische Naht sauber zu vernähen. Die klassische Dreifachnaht reicht immer von der Strumpfspitze (dem verstärkten Zehenbereich) bis hoch zum fertigungsbedingten Abschlussloch im Strumpfrand (auch Strumpfauge genannt). Die Naht läuft also auch über den Sohlenbereich. (es gibt auch Nahtstrümpfe mit einer Naht vorne am Bein welche heutzutage zu den absoluten Raritäten zählen)
Bei den "echten" Nahtnylons welche nach diesem Verfahren hergestellt wurden erkennt das geübte Auge ca. 10mm rechts und links der Naht auch das sogenannte Minderungsmuster, welches sich als kleine Pünktchen darstellt.
Da die Ferse, neben den Zehen und dem Strumpfrand, einer des am meisten beim Tragen belasteten Bereichs ist, wird dieser auch verstärkt (reinforced heels and toe). Aus dieser Verstärkung entsprangen dann diverse Fersenformen. Die heute wohl bekanntesten Hochfersenformen sind die Point Heel (spitz zur Naht zulaufende Ferse) und die Cuban Heel (eckige Ferse).
Der Strumpfrand ist ebenfalls aus verstärktem Material gefertigt und doppelt gelegt. So ist er stabiler und kann die Zugkräfte der Strumpfhalter aufnehmen. Durch die "Unflexibilität" der echten Nylonstrümpfe sind diese Zugkräfte nicht zu unterschätzen. Diese entstehen bei jeder Bewegung da der Nylonstrumpf auf Grund seines Materiales nicht nachgibt. Deshalb ist es wichtig, beim Tragen von echten Nahtnylons den entsprechenden Strumpfhalter oder Hüfthalter zu wählen. Dieser sollte an der Taille nicht rutschen und besser mit sechs anstatt vier Strapsen ausgestattet sein damit die Naht nicht verrutscht.

Echte Nahtnylons vs. moderne Strapsstrümpfe

echte Nahtnylons am Strumpfhalter Clip aus Metal

Zugegebenermaßen muss man sagen, dass moderne Damenstrümpfe oder Strumpfhosen durch die Beimischung von Elasthan eine bessere Passform und damit einen höheren Tragekomfort haben. Auch passt der undehnbare Nylonstrumpf eher dem "Standard-Bein". Das heißt bei Frauen, welche eher untersetzt gebaut sind, wird es immer Probleme mit der Passform der echten Nylons geben. In der Regel sind diese dort an den Oberschenkeln zu eng. Selbes gilt für sehr schlanke, große Frauen. Hier werden die klassischen Nylons eher zur Faltenbildung neigen.
Und trotzdem ist die Nachfrage an diesen Strümpfen ungebrochen. Das liegt nicht nur an Vintage-Fans oder Nostalgiker. Der echte Nahtstrumpf strahlt immer noch einen Hauch von Erotik und femininer Sinnlichkeit aus.
Durch die ziemlich aufwendige Fertigung, welche durch die Instandhaltung der originalen Cottonmaschinen noch kostenintensiver wird, bewegen sich die Preise für ein paar echter Nylonstrümpfe mit Naht bereits auf die 30 Euro-Marke zu. Hersteller wie Gerbe (Paris) liegen bereits darüber. Alternativen bieten Strapsstrümpfe mit Ziernaht, also ein normaler Damenstrumpf bei dem die Naht nur Zierde ist. Von Cervin zum Beispiel werden echte Nylonstrümpfe (also 100% Nylongarn und undehnbar) mit stilisierter Naht angeboten, die das Look and Feel der 50er Jahre widerspiegeln sollen.
Eines ist wohl sicher, die echten Nahtnylons werden uns wohl noch einige Jahre erhalten bleiben...
...und das ist gut so.

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